Brasilien - Grupo C
đ§đ·đ„ Der lange Qualifikationsprozess, der eine schĂ€rfere Kante formte đïžâĄ
Eine Qualifikation mit Narben, Zahlen und Momenten, die Brasilien wieder an seine eigene Messlatte erinnern
EinfĂŒhrung
BelĂ©m, CuiabĂĄ, Rio, Salvador, SĂŁo Paulo: Brasilien hat diese Qualifikation nicht wie eine Parade durchschritten, sondern wie eine Reise mit wechselndem Wetter. Es gab Abende, an denen der Ball leicht lief und das Ergebnis wie von selbst wuchs. Und es gab NĂ€chte, in denen ein einzelner Standard, eine Unachtsamkeit oder ein kalter Konter die Geschichte umschrieb. Man kann das âWieâ dieser Kampagne nicht erzĂ€hlen, ohne das âWannâ zu respektieren: Diese Punkte wurden nicht geschenkt, sie wurden in Etappen eingefordert.
Der Auftakt war dennoch ein Statement, fast ein alter Reflex: am 8. September 2023 ein 5:1 gegen Bolivien in BelĂ©m, mit Rodrygo als Doppelschlag-Motor und Neymar als spĂ€te Signatur. Das klang nach Kontrolle, nach Ăberlegenheit, nach jenem Brasilien, das die Gegner frĂŒh in den RĂŒckspiegel zwingt. Vier Tage spĂ€ter, am 12. September 2023, ein 1:0 in Lima gegen Peru durch ein spĂ€tes Tor von Marquinhos: schon weniger Gala, aber ein klassischer AuswĂ€rtssieg, der in SĂŒdamerika oft mehr wiegt als jedes Feuerwerk.
Doch dann kamen die Kerben in den Lack. Am 17. Oktober 2023 in Montevideo setzte es ein 0:2 gegen Uruguay, am 16. November 2023 in Barranquilla ein 1:2 gegen Kolumbien nach FĂŒhrung, am 21. November 2023 im MaracanĂŁ ein 0:1 gegen Argentinien. Das ist nicht nur eine Serie von Resultaten, das ist eine dramaturgische Linie: aus dem frĂŒhen SelbstverstĂ€ndnis wird eine Qualifikation, die Brasilien zwingt, sich neu zu organisieren, sich in engen Spielen neu zu definieren.
In Zahlen endet das Ganze trotzdem mit einem Ticket im GepĂ€ck und einer Bilanz, die auf dem Papier stabil wirkt: Brasilien schlieĂt die CONMEBOL-Qualifikation auf Platz 5 ab, mit 28 Punkten aus 18 Spielen, 24 Toren und 17 Gegentoren, Tordifferenz plus 7. Die nĂŒchternen Werte erzĂ€hlen dabei ein Detail, das sich durch die Monate zieht: Brasilien gewinnt achtmal, spielt viermal remis, verliert sechsmal. Es ist eine Mannschaft, die sehr oft nah an der Kante spielt â und nicht immer auf der richtigen Seite landet.
Es gibt drei Kipppunkte, die diese Reise wie Wegmarken rahmen. Erstens der 8. September 2023, Brasilien â Bolivien 5:1: der Auftakt, der Erwartungen hochzieht. Zweitens der 21. November 2023, Brasilien â Argentinien 0:1: ein Heimspiel, das nicht nur Punkte kostet, sondern auch das GefĂŒhl von Unantastbarkeit. Drittens der 25. MĂ€rz 2025, Argentinien â Brasilien 4:1: ein Ergebnis, das wie ein Schlag ins Protokoll steht und die Frage stellt, wie Brasilien auf höchstem Niveau mit Widerstand umgeht.
Der Weg durch die Qualifikation
In der CONMEBOL-Qualifikation ist der Weg traditionell klar und gnadenlos: eine gemeinsame Liga, jeder gegen jeden, Heim- und AuswĂ€rtsspiel, am Ende zĂ€hlt die Tabelle ohne Umwege. Brasilien musste 18 Spieltage gehen, 18 Mal mit anderen klimatischen und taktischen Bedingungen umgehen, 18 Mal den eigenen Stil gegen unterschiedliche Spielideen behaupten. Und genau in dieser GleichmĂ€Ăigkeit des Formats liegt die HĂ€rte: Ausrutscher verschwinden nicht, sie bleiben stehen, bis du sie spĂ€ter ausradierst â oder sie dich begleiten.
Brasilien beendet diese Strecke auf Rang 5 mit 28 Punkten. Direkt in der Nachbarschaft ist die Tabelle ein Spiegelbild kleiner Unterschiede: Kolumbien auf Platz 3 hat ebenfalls 28 Punkte, Uruguay auf Platz 4 auch 28, Paraguay auf Platz 6 ebenfalls 28. Vier Teams, ein Punktestand, vier verschiedene Geschichten. Brasilien hat mit 24 Toren die beste Offensive dieser Vierergruppe, aber auch die meisten Gegentore: 17. Genau dort liegt die wichtigste Lesart: Brasilien musste sich die Punkte oft âtrotzâ Gegentoren erarbeiten, wĂ€hrend andere in dieser Zone ĂŒber mehr defensive Strenge kamen.
Die Bilanzzeilen fassen es zusammen: 8 Siege, 4 Remis, 6 Niederlagen. Das ist fĂŒr brasilianische MaĂstĂ€be nicht glatt, sondern zerklĂŒftet. Die Mannschaft war fĂ€hig, Spiele zu dominieren und hoch zu gewinnen, aber sie lieĂ auch zu, dass ein einzelner Treffer den Abend entschied â zum Guten wie zum Schlechten. Man sieht das an Ergebnissen wie 1:0 in Peru, 1:0 gegen Ecuador, 1:0 gegen Paraguay: Brasilien kann knappe Siege verwalten. Gleichzeitig stehen dort 0:1 gegen Argentinien, 0:1 in Paraguay, 0:1 in Bolivien: Brasilien kann auch knappe Spiele verlieren, wenn das erste Tor nicht fĂ€llt oder wenn der Spielverlauf kippt.
Ein weiterer SchlĂŒssel ist die Reihenfolge der Ereignisse: Nach dem starken Start folgte eine Phase, in der Brasilien in drei groĂen Partien hintereinander nicht gewann: Uruguay auswĂ€rts verloren, Kolumbien auswĂ€rts verloren, Argentinien zu Hause verloren. Das ist in einer Liga-Qualifikation nicht nur ein âFormtiefâ, das ist ein Teil der Tabelle. Umso wichtiger wurde spĂ€ter die Stabilisierung: etwa das 4:0 gegen Peru am 15. Oktober 2024 oder das 2:1 gegen Kolumbien am 20. MĂ€rz 2025 mit dem spĂ€ten Siegtreffer in der Nachspielzeit.
Auch die AuswĂ€rtskurve liefert Stoff. Brasilien gewann in Lima (0:1) und in Santiago (1:2), holte ein 0:0 in Guayaquil, aber verlor in Montevideo (2:0), Barranquilla (2:1), AsunciĂłn (1:0), Buenos Aires (4:1) und El Alto (1:0). Rein ĂŒber die Resultate gelesen: auswĂ€rts ist Brasilien in dieser Kampagne deutlich anfĂ€lliger, vor allem wenn das Spiel eine physische, atmosphĂ€rische oder taktisch zĂ€he Note bekommt. Das ist nicht ungewöhnlich in SĂŒdamerika â aber es ist ungewöhnlich, wenn Brasilien so hĂ€ufig keine Antwort findet.
Und trotzdem: Es gab klare Momente des âWir können das nochâ. Das 3:0 gegen Chile am 4. September 2025 im MaracanĂŁ wirkt wie ein spĂ€tes Ausrufezeichen, nicht weil Chile in der Tabelle stark war, sondern weil Brasilien dort wieder ein Spiel mit zwei Toren Abstand gewann, sauber zu Null spielte und mehrere TorschĂŒtzen hatte. In solchen Abenden steckt oft mehr Hinweis auf eine funktionierende Statik als in einem engen 1:0.
Damit die Reise greifbar wird, hier zuerst die komplette Spiel-Liste, so wie sie in dieser Qualifikation gelaufen ist â mit Datum, Runde, Gegner, Rolle, Ergebnis, TorschĂŒtzen und Spielort.
| Datum | Spieltag | Gegner | Rolle | Ergebnis | TorschĂŒtzen | Spielort |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 8. September 2023 | 1 | Bolivien | Heim | 5:1 | Rodrygo 24', 53', Raphinha 47', Neymar 61', 90+3'; Ăbrego 78' | Stadion MangueirĂŁo, BelĂ©m |
| 12. September 2023 | 2 | Peru | AuswÀrts | 0:1 | Marquinhos 90' | Stadion Nacional, Lima |
| 12. Oktober 2023 | 3 | Venezuela | Heim | 1:1 | Gabriel 50'; Bello 85' | Arena Pantanal, CuiabĂĄ |
| 17. Oktober 2023 | 4 | Uruguay | AuswĂ€rts | 2:0 | NĂșñez 42', N. de la Cruz 77' | Stadion Centenario, Montevideo |
| 16. November 2023 | 5 | Kolumbien | AuswĂ€rts | 2:1 | Martinelli 4'; DĂaz 75', 79' | Stadion Metropolitano, Barranquilla |
| 21. November 2023 | 6 | Argentinien | Heim | 0:1 | Otamendi 63' | Stadion MaracanĂĄ, RĂo de Janeiro |
| 6. September 2024 | 7 | Ecuador | Heim | 1:0 | Rodrygo 30' | Stadion Couto Pereira, Curitiba |
| 10. September 2024 | 8 | Paraguay | AuswÀrts | 1:0 | D. Gómez 20' | Stadion Defensores del Chaco, Asunción |
| 10. Oktober 2024 | 9 | Chile | AuswÀrts | 1:2 | Vargas 2'; Igor Jesus 45+1', Luiz Henrique 89' | Stadion Nacional, Santiago |
| 15. Oktober 2024 | 10 | Peru | Heim | 4:0 | Raphinha 38' pen., 54' pen., Andreas Pereira 71', Luiz Henrique 74' | Stadion Mané Garrincha, Brasilia |
| 14. November 2024 | 11 | Venezuela | AuswĂ€rts | 1:1 | Raphinha 43'; Segovia 46' | Stadion Monumental, MaturĂn |
| 19. November 2024 | 12 | Uruguay | Heim | 1:1 | Valverde 55'; Gerson 62' | Arena Fonte Nova, Salvador |
| 20. MĂ€rz 2025 | 13 | Kolumbien | Heim | 2:1 | Raphinha 6' pen., VinĂcius JĂșnior 90+9'; DĂaz 41' | Stadion ManĂ© Garrincha, Brasilia |
| 25. MĂ€rz 2025 | 14 | Argentinien | AuswĂ€rts | 4:1 | Ălvarez 4', FernĂĄndez 12', Mac Allister 37', Simeone 71'; Matheus Cunha 26' | Stadion Monumental, Buenos Aires |
| 5. Juni 2025 | 15 | Ecuador | AuswÀrts | 0:0 | Stadion Monumental, Guayaquil | |
| 10. Juni 2025 | 16 | Paraguay | Heim | 1:0 | VinĂcius JĂșnior 44' | Neo QuĂmica Arena, SĂŁo Paulo |
| 4. September 2025 | 17 | Chile | Heim | 3:0 | EstĂȘvĂŁo 38', Lucas PaquetĂĄ 72', Bruno GuimarĂŁes 76' | Stadion MaracanĂĄ, RĂo de Janeiro |
| 9. September 2025 | 18 | Bolivien | AuswÀrts | 1:0 | Terceros 45+4' pen. | Stadion Municipal, El Alto |
Die zweite Pflichtstation ist die Tabelle: nicht als Dekoration, sondern als Kontextmaschine. Hier sieht man, wie eng Brasiliens Zone war â und wie stark die Spitze weglief.
Abschlusstabelle
| Pos. | Auswahl | Pkt. | Sp. | S | U | N | Tore | Gegentore | Diff. |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Argentinien | 38 | 18 | 12 | 2 | 4 | 31 | 10 | 21 |
| 2 | Ecuador | 29 | 18 | 8 | 8 | 2 | 14 | 5 | 9 |
| 3 | Kolumbien | 28 | 18 | 7 | 7 | 4 | 28 | 18 | 10 |
| 4 | Uruguay | 28 | 18 | 7 | 7 | 4 | 22 | 12 | 10 |
| 5 | Brasilien | 28 | 18 | 8 | 4 | 6 | 24 | 17 | 7 |
| 6 | Paraguay | 28 | 18 | 7 | 7 | 4 | 14 | 10 | 4 |
| 7 | Bolivien | 20 | 18 | 6 | 2 | 10 | 17 | 35 | -18 |
| 8 | Venezuela | 18 | 18 | 4 | 6 | 8 | 18 | 28 | -10 |
| 9 | Peru | 12 | 18 | 2 | 6 | 10 | 6 | 21 | -15 |
| 10 | Chile | 11 | 18 | 2 | 5 | 11 | 9 | 27 | -18 |
Was fĂ€llt auf, wenn man Brasilien darin verortet? Erstens: Brasilien hat mehr Siege als Kolumbien und Uruguay, aber auch mehr Niederlagen. Das ist eine Art riskante Bilanz, die zu einer Mannschaft passt, die selten ânurâ auf 0:0 spielt, aber eben auch hĂ€ufiger bestraft wird. Zweitens: Brasilien trifft deutlich hĂ€ufiger als Ecuador und Paraguay, kassiert aber mehr als Uruguay und Ecuador. In einer Qualifikation, in der jedes Tor auch als Tiebreaker und als psychologischer Faktor wirkt, ist das ein Profil: Brasilien gewinnt Spiele ĂŒber Treffer â und verliert zu viele Abende ĂŒber Gegentreffer.
Drittens, und das ist fĂŒr Performance-Analyse wichtig: die engen Spiele. Brasilien hat mehrere Partien mit einem Tor Unterschied gewonnen (1:0 in Peru, 1:0 gegen Ecuador, 1:0 gegen Paraguay), aber auch mehrere mit einem Tor Unterschied verloren (0:1 gegen Argentinien, 0:1 in Paraguay, 0:1 in Bolivien). Das deutet darauf hin, dass die Mannschaft nicht durchgehend in der Lage war, knappe Spiele in eine klare Richtung zu drĂŒcken. Sie hatte Phasen, in denen ein Tor reichte â aber auch Phasen, in denen ein Tor fehlte.
Und schlieĂlich: die Rache-Mechanik, wenn man so will. Gegen Peru gab es auswĂ€rts das minimalistische 1:0 und zu Hause das deutliche 4:0. Gegen Chile gab es auswĂ€rts das 2:1 nach frĂŒhem RĂŒckstand und spĂ€ter das 3:0. Brasilien war also durchaus fĂ€hig, aus Erfahrungen zu lernen und RĂŒckspiele klarer zu gestalten. Nur gegen die ganz groĂen Nadelstiche â Uruguay und Argentinien â blieb die Kurve schmerzhaft: gegen Uruguay zweimal kein Sieg (0:2, 1:1), gegen Argentinien zweimal Niederlage (0:1, 4:1). In Summe ist das der Satz, der diese Qualifikation in einem Atemzug erzĂ€hlt: Brasilien hat sich qualifiziert, aber nicht ohne offene Kapitel.
Wie sie spielen
Brasiliens Spielbild lĂ€sst sich hier nicht ĂŒber Formationen oder Detailtaktik beschreiben, weil die Daten dazu fehlen. Aber die Ergebnisse liefern genug, um die IdentitĂ€t in groben ZĂŒgen zu skizzieren: Brasilien ist in dieser Kampagne ein Team der Spannen. Es kann Gegner ĂŒberrollen, es kann Spiele kontrolliert mit einem Tor entscheiden â und es kann in genau denselben engen RĂ€umen hĂ€ngen bleiben, in denen die Partie nur ein Moment kippt.
Der erste harte Indikator ist die Torstatistik: 24:17 in 18 Spielen, also im Schnitt 1,33 erzielte Tore und 0,94 Gegentore pro Partie. Das klingt kontrolliert, aber die Verteilung dahinter ist unruhig: Es gibt klare Spitzen (5:1 gegen Bolivien, 4:0 gegen Peru, 3:0 gegen Chile), und es gibt eine ganze Reihe an Partien, in denen Brasilien nur ein Tor schoss oder gar keines (0:1 gegen Argentinien, 0:0 in Ecuador, 0:1 in Paraguay, 0:1 in Bolivien). Das spricht fĂŒr eine Mannschaft, die stark davon abhĂ€ngt, frĂŒh oder zumindest zuerst zu treffen. Wenn der Gegner das erste Tor macht oder das Spiel lange 0:0 bleibt, steigt die Friktion.
Zweiter Indikator: Brasilien produziert mehrere Ergebnisse mit nur einem Gegentor, aber es gibt diese zwei markanten AusreiĂer, die im GefĂŒhl schwerer wiegen als in der Statistik: das 2:1 in Kolumbien nach frĂŒher FĂŒhrung und das 4:1 in Buenos Aires. Beide Spiele zeigen aus Performance-Sicht unterschiedliche Schmerzen. In Barranquilla verliert Brasilien die Kontrolle nach dem 1:0 und kassiert zwei Treffer spĂ€t â ein Hinweis darauf, dass das Spielmanagement in den letzten 20 Minuten nicht stabil genug war. In Buenos Aires dagegen ist es ein strukturelles Auseinanderfallen: vier Gegentore sind nicht nur ein âschlechter Tagâ, das ist ein Abend, an dem der Gegner wiederholt in hochwertige Situationen kommt.
Dritter Indikator: die Anker im ToreschieĂen. Die Liste der TorschĂŒtzen zeigt zwei Namen als wiederkehrende Signaturen: Raphinha (mehrfach, darunter zwei Elfmeter gegen Peru und ein frĂŒher Elfmeter gegen Kolumbien) und Rodrygo (zwei gegen Bolivien, einer gegen Ecuador). Dazu kommen mehrere EinzelbeitrĂ€ge: Marquinhos mit einem spĂ€ten AuswĂ€rts-Siegtreffer in Peru, VinĂcius JĂșnior mit einem extrem spĂ€ten Siegtor gegen Kolumbien und dem 1:0 gegen Paraguay, auĂerdem Luiz Henrique, Andreas Pereira, PaquetĂĄ, Bruno GuimarĂŁes, EstĂȘvĂŁo, Gerson, Gabriel, Matheus Cunha, Igor Jesus, Martinelli. Diese Breite ist grundsĂ€tzlich eine StĂ€rke: Brasilien ist nicht ausschlieĂlich auf einen einzigen Vollstrecker festgenagelt. Gleichzeitig fĂ€llt auf, wie oft entscheidende Tore aus speziellen Situationen kommen: Elfmeter, spĂ€te Standards, spĂ€te Einzelmomente. Das kann QualitĂ€t sein â es kann aber auch ein Zeichen dafĂŒr sein, dass der Mannschaft manchmal der kontinuierliche Zugriff im letzten Drittel fehlt.
Vierter Indikator: Spielrhythmus und Spieltypen. Brasilien hat in dieser Qualifikation mehrere âLow-Scoringâ-Spiele geprĂ€gt, gerade gegen Gegner, die defensiv kompakt agieren oder Brasilien in Geduldsspiele ziehen: 1:0, 0:0, 1:1. Der Vorteil: Brasilien kann solche Spiele gewinnen, ohne ins Chaos zu rutschen. Der Nachteil: Brasilien lĂ€sst solche Spiele auch zu oft in eine Richtung kippen, in der ein einzelnes Gegentor reicht, um den ganzen Plan zu zerstören. Man sieht das am 0:1 gegen Argentinien und am 0:1 in Paraguay sowie am 0:1 in Bolivien. In drei Spielen dieser Art blieb Brasilien ohne eigenen Treffer.
Als VulnerabilitĂ€t kristallisiert sich damit ein Muster heraus: AuswĂ€rts, wenn die Partie eine hohe physische IntensitĂ€t bekommt oder der Gegner gut im Umschalten ist, wird Brasilien verwundbar. Uruguay (2:0) und Kolumbien (2:1) sind Beispiele, Paraguay (1:0) ebenfalls, Argentinien (4:1) erst recht. Dazu kommt El Alto gegen Bolivien (1:0): ein Spiel, das atmosphĂ€risch und konditionell anders ist und in dem ein Elfmeter kurz vor der Pause reicht. Brasilien muss nicht âalles neu erfindenâ, aber es muss diese Art von Spiel besser ĂŒberstehen: nicht unbedingt dominieren, sondern die gefĂ€hrlichen Momente minimieren und selbst wenigstens einmal zuschlagen.
Die Gruppe bei der WM
Brasilien landet in Gruppe C und beginnt das Turnier mit zwei Spielen, in denen die eigene Rolle klar ist: das Spiel diktieren, das Tempo bestimmen, den Gegner frĂŒh in die eigene HĂ€lfte drĂŒcken. Das dritte Spiel bringt eine andere Textur: dort steht ein europĂ€ischer Gegner, bei dem die Partie hĂ€ufig ĂŒber ZweikĂ€mpfe, Rhythmuswechsel und Standards eine andere Temperatur bekommt. Auf dem Papier ist es ein Gruppenkalender, der Brasilien die Möglichkeit gibt, sich in die Endrunde hineinzuspielen â aber eben auch die Pflicht, von Anfang an sauber zu sein.
Die drei Gegner heiĂen Marokko, Haiti und Schottland. Alle drei Partien sind terminlich so gelegt, dass Brasilien kaum Zeit fĂŒr SentimentalitĂ€t hat: Auftakt, schneller zweiter Schritt, dann der Abschluss. Aus Sicht der Belastungssteuerung ist das eine klare Sequenz: Rhythmus finden, Punkte sammeln, Gruppensieg absichern. Aus Sicht der FehleranfĂ€lligkeit ist es aber auch eine Warnung: Wenn Brasilien ein Spiel âliegen lĂ€sstâ, wird die Gruppe sofort enger, weil das dritte Spiel gegen Schottland sehr leicht ein Spiel werden kann, in dem Kleinigkeiten entscheiden.
Hier der Spielplan der Gruppe fĂŒr Brasilien in einer kompakten Ăbersicht:
| Datum | Stadion | Stadt | Gegner |
|---|---|---|---|
| 13. Juni 2026 | MetLife Stadium | New York / New Jersey | Marokko |
| 19. Juni 2026 | Lincoln Financial Field | Philadelphia | Haiti |
| 24. Juni 2026 | Hard Rock Stadium | Miami | Schottland |
Spiel 1: Brasilien gegen Marokko am 13. Juni 2026 in New York / New Jersey. Das ist ein Auftakt, der sofort Konzentration verlangt. Brasilien hat in der Qualifikation gezeigt, dass es Spiele eröffnen kann, wenn der erste Treffer fĂ€llt: das 5:1 gegen Bolivien ist der Prototyp. Gleichzeitig hat Brasilien auch gezeigt, dass ein 1:1 möglich ist, wenn man nach FĂŒhrung die TĂŒr offen lĂ€sst â wie gegen Venezuela am 12. Oktober 2023 (1:1) und erneut am 14. November 2024 (1:1). Der SchlĂŒssel wird deshalb weniger âZauberâ sein, sondern NĂŒchternheit: kein Gegentor nach eigenem FĂŒhrungstor, keine langen Phasen, in denen Brasilien den Gegner wieder einlĂ€dt. Prognose: gana Brasil.
Spiel 2: Brasilien gegen Haiti am 19. Juni 2026 in Philadelphia. Das ist von der ErzĂ€hlung her das Spiel, in dem Brasilien die Gruppe stabilisieren kann. Aus dem Qualifikationsprofil lĂ€sst sich ableiten: wenn Brasilien einen Gegner klar in die zweite Halbzeit hinein schiebt, kann es das Ergebnis ausbauen. Man sah das beim 4:0 gegen Peru, als nach dem 1:0 der Druck nicht nachlieĂ, sondern der Vorsprung wuchs. Entscheidend wird sein, dass Brasilien dieses Spiel nicht wie eine FormalitĂ€t behandelt, denn genau in solchen Partien entstehen Unachtsamkeiten, die spĂ€ter in der Tabelle teuer werden können. Gerade weil Brasilien auch knappe Spiele verloren hat, ist hier die saubere Pflichtarbeit gefragt. Prognose: gana Brasil.
Spiel 3: Schottland gegen Brasilien am 24. Juni 2026 in Miami. Das ist die Partie, die in dieser Gruppe am ehesten ein Spiel âmit Kantenâ werden kann: enger, zweikampfbetonter, vielleicht mit weniger freien RĂ€umen. Brasilien hat in der Qualifikation beides erlebt: enge Siege und enge Niederlagen. Wenn diese Partie als Gruppenspiel mit Druck kommt, muss Brasilien das besser lösen als in den AuswĂ€rtsniederlagen, in denen ein einzelner Moment genĂŒgte. Gleichzeitig hat Brasilien auch die FĂ€higkeit, in knappen Spielen spĂ€t zuzuschlagen: das 2:1 gegen Kolumbien durch ein Tor in der Nachspielzeit ist das beste Beispiel. Sollte es ein Spiel werden, das lange offen bleibt, ist genau diese spĂ€te Schlagkraft eine der brasilianischen Lebensversicherungen. Prognose: empate.
Wichtig ist: Brasilien sollte diese Gruppe nicht âĂŒber Romantikâ angehen, sondern ĂŒber PrioritĂ€ten, die aus der Qualifikation gelernt sind. Denn die Zahlen sagen nicht, dass Brasilien schwach ist â sie sagen, dass Brasilien phasenweise zu wenig Kontrolle ĂŒber die entscheidenden Momente hatte. Wenn das in einer WM-Gruppenphase passiert, wird das Rechnen schnell unangenehm.
SchlĂŒssel zur Qualifikation aus der Gruppe, aus brasilianischer Sicht:
- Das erste Spiel torfrei im eigenen Netz halten, weil Brasilien nach FĂŒhrung zu Remis neigte, wenn der Gegner spĂ€t trifft.
- FrĂŒhe FĂŒhrung suchen, weil Brasilien in dieser Qualifikation mehrere Spiele ohne eigenen Treffer hatte, wenn es lange 0:0 blieb.
- In den letzten 20 Minuten konzentriert bleiben: das 1:2 in Kolumbien nach 1:0-FĂŒhrung war ein Warnsignal fĂŒr spĂ€te Phasen.
- Keine AuswÀrts-Àhnlichen Unsauberkeiten zulassen: die knappen 0:1-Niederlagen in Paraguay und Bolivien zeigen, wie wenig manchmal fehlt.
- Tore auf mehrere Schultern verteilen, weil Brasilien dann weniger berechenbar ist und auch Spiele âohne Plan Aâ entscheiden kann.
Leitartikel
Brasilien hat sich diese Qualifikation nicht mit Samthandschuhen angezogen. Platz 5 mit 28 Punkten ist in einer normalen FuĂballnation eine solide Meldung, in Brasilien ist es eine Frage, die noch im gleichen Satz kommt: âUnd wie sah es aus?â Die Antwort liegt in den Resultaten: Dieses Team kann den Schalter auf Dominanz stellen, aber es hat zu oft erlebt, wie ein Spiel aus den HĂ€nden rutscht, wenn es nicht konsequent den eigenen Rhythmus durchdrĂŒckt.
Das Gute ist: Die Wunden sind konkret, nicht abstrakt. Man kann sie auf dem Spielbericht nachlesen. Das Schlechte ist: Genau deshalb darf man sie nicht wegwischen. Wer im MaracanĂŁ 0:1 gegen Argentinien verliert, weiĂ, wie dĂŒnn die Luft wird, wenn der Gegner einmal prĂ€zise zusticht. Und wer in Buenos Aires 4:1 untergeht, weiĂ, wie schnell ein groĂer Abend zu einer Lektion wird, die man nicht bestellt hat.
Der Abspann dieser Geschichte sollte nicht lauten: Brasilien ist âwieder daâ oder ânicht mehr daâ. Er sollte lauten: Brasilien hat sich qualifiziert, aber es hat eine Landkarte der Risiken mitgebracht. Diese Landkarte zeigt: AuswĂ€rtsstress, enge Spiele, spĂ€te Gegentore, Momente, in denen ein einziger Treffer das ganze Skript schreibt.
Und wenn man eine konkrete Warnung braucht, dann steht sie mit Datum und Ergebnis im Protokoll: 9. September 2025, Bolivien â Brasilien 1:0 in El Alto, entschieden durch einen Elfmeter kurz vor der Pause. Ein einziges Ereignis, ein einziger Treffer, und die ganze Partie wird zur langen Jagd ohne Beute. Genau dieses Muster muss Brasilien in der WM-Gruppenphase vermeiden: nicht, weil es sonst âscheitertâ, sondern weil es sonst unnötig kompliziert wird. Brasilien kann sich das einfache Leben wieder verdienen â aber nur, wenn es in den kleinen Momenten groĂ bleibt.